Der rückläufige Merkur

Der rückläufige Merkur


In der Rückläufigkeit der Planeten zeigt sich einer der Unterschiede zwischen der Astronomie und der Astrologie. Planeten werden nicht wirklich rückläufig. Ihre Rückläufigkeit ist eine scheinbare Bewegung, die daraus resultiert, dass die Erde als Standpunkt der Beobachtung sich mit den Planeten um die Sonne bewegt. So entsteht der Eindruck, als wenn die Planeten sich relativ zur Erde rückwärts bewegen würden.

In der Astrologie nehmen wir die Dinge so, wie sie uns erscheinen. Die scheinbare Rückläufigkeit wird von uns beobachtet, also findet sie im Modell der Astrologie auch statt. Im Gegensatz zum Anspruch der Wissenschaft geht es der Astrologie gar nicht darum, etwas „objektiv“ zu beobachten. Die Astrologie will aus dem „subjektiv“ Beobachteten etwas herauslesen. Sie interpretiert die Geschehnisse und versucht ihnen Sinn zu verleihen. Dafür ist es nicht notwendig eine vom Betrachter unabhängige Sicht zu entwickeln, sondern der Beobachter bezieht seine Sicht in den Prozess der Deutung mit hinein.
Ein weiteres Beispiel: Wir beobachten ja auch, dass sich die Sonne bewegt. Sie geht auf, sie steigt auf und geht wieder unter. Inzwischen „wissen“ wir, dass sich die Erde bewegt, aber beobachten tun wir eben etwas anderes. Die gedachte Bewegung der Sonne um die Erde nennen wir die Ekliptik und wir interpretieren ihren Gang durch den Tierkreis, obwohl wir genau wissen, dass es in Wirklichkeit die Erde ist, welche sich bewegt.

Wir kennen vielleicht eine ähnliche Erfahrung im Zug am Bahnhof. Wenn wir aus unserem Abteil durch das Fenster auf einen einen Zug schauen, und plötzlich kommt es zu einer Bewegung, dann wissen wir im ersten Moment nicht, ob wir uns oder ob sich der andere Zug bewegt. Er kann uns so vorkommen, als wenn wir rückwärts fahren würden.

Die Sonne und der Mond werden nie rückläufig. Die Mondknotenachse bewegt sich ohnehin rückwärts durch den Tierkreis. Sie vollzieht eine Art Pendelbewegung, dessen Ausrichtung eindeutig rückläufig ist. Die äußeren Planeten Uranus, Neptun und Pluto sind fast die Hälfte des Jahres über rückläufig.

Für das Individuum und seine persönliche Entwicklung sind insbesondere die rückläufigen Bewegungen der schnelleren Planeten interessant. Wir legen demnach besonderes Gewicht auf die Rückläufigkeit bei Merkur, Venus und Mars, aber auch jene von Jupiter und Saturn gilt es zu beachten.

Es scheint, als würde die Rückläufigkeit zu einer verstärkten Verinnerlichung des Planeten beitragen. Manche Astrologen führen hier den Begriff Karma ein und behaupten, dass wir in einem oder mehreren vergangenen Leben die Funktion, die der betroffene Planet symbolisiert, missbraucht hätten. Daraus würde dann folgen, dass wir jetzt besondere Mühe haben, uns diese Funktion als Fähigkeit auszubilden.
Mag die Theorie mit dem Karma richtig oder falsch sein, es bleibt der Fakt, dass meist besondere Anstrengungen nötig sind, um das, was der Planet symbolisiert, richtig zu beherrschen, wenn dieser im Radix rückläufig ist.

Es wäre unser Ansicht nach allerdings auch falsch zu behaupten, dass die Rückläufigkeit die Fähigkeiten des Planeten vermindern würde, so als wäre dieser behindert. Richtig ist, dass es zu entdecken gilt, worin die Besonderheit dieser Stellung liegen mag. Wir wollen dies hier am Beispiel des Merkur erläutern.

In unserer Gesellschaft sind die Eigenschaften des Merkur besonders hoch angesiedelt. Das Denken und das Kommunizieren gehören zu den am meisten geschätzten Fähigkeiten. Aus dieser Tatsache können Probleme erwachsen für den Menschen mit einem rückläufigen Merkur. Denn der rückläufige Merkur „funktioniert“ einfach anders der direkt laufende Merkur. Normalerweise (mit normal ist hier nicht normal im klinischen Sinn gemeint, sondern eher in Hinsicht „so wie üblich“) arbeitet der menschliche Verstand logisch und kausal, wenn wir beispielsweise einen gedachten Ablauf von A bis D haben, können wir logisch folgern, dass aus A B folgt, dann C usw.. Ein rückläufiger Merkur dagegen symbolisiert ein Denken, welches eher intuitiv oder ganzheitlich funktioniert. Hier folgt in unserem Beispiel auf A vielleicht D und dann B und noch mal A.
Somit kann es schwierig sein, sich mit einem rückläufigen Merkur so auszudrücken, dass man auch verstanden wird.

Häufig empfindet ein Mensch mit einem rückläufigen Merkur im Horoskop sich anders als andere. Meist erfolgt daraus dann nicht der Gedanke, wie genial wir wohl mit dieser Stellung sind, sondern eher, dass wir schlechter oder minderwertiger als andere sind. Minderwertigkeitskomplexe und Unsicherheit vor allem auch im sprachlichen Ausdruck sind die Folge. Daraus resultiert auch das schwer zu fassende Einsamkeitsgefühl, dass in sich eingeschlossen fühlen, was wir dann so oft verspüren. Diese Gefühle sind vergleichbar mit denen, die Menschen erleben, die persönliche Planeten wie beispielsweise Sonne oder Mond im 12.Haus haben.

Wenn wir den rückläufigen Merkur mit einer anderen Stellung vergleichen wollen, bietet sich Merkur im 12.Haus oder Merkur in Verbindung mit Neptun an. Überhaupt kann die Wirkweise von Neptun mit jener der Rückläufigkeit verglichen werden.

Was im Fall des rückläufigen Merkur noch erschwerend hinzu kommen kann (aber nie muss) ist die Unfähigkeit oder die Schwierigkeit, vorgegebenen Stoff zu lernen und wiederzugeben. Der Merkur R ist eher intuitiv und gut darin, selber Gedanken oder Ideen zu entwickeln. In den Schulsystemen unserer Gesellschaft ist aber eher gefragt, Stoff zu erlernen und wiederzugeben. Daher schneiden Menschen mit Merkur R häufig schlechter in der Schule ab, als es ihrer Intelligenz entsprechen würde. Wir finden mit Merkur R auch geniale oder hochbegabte Menschen. Und auch hier hängt eben unglaublich viel von der Erziehung ab, denn es sind die Eltern, die letztlich den Umgang mit dem Merkur und den anderen Planeten prägen. Ein möglicher schlechter Schulabschluss kann zu einer bestimmten Berufswahl führen, die mit einem anderen Schulabschluss auch anders ausgefallen könnte. So kann dann ein rückläufiger Merkur das ganze Leben prägen.

Wohl dem, dem in solchen Fällen die Astrologie zur Verfügung steht. Wie wir finden, kann eine richtig verstanden und eingesetzte Astrologie gerade im pädagogischen Bereich unglaublich wertvolle Dienste leisten. Denn mittels der Astrologie lassen sich im Horoskop auch von Kindern oder sogar von Neugeborenen Begabungen, Talente, aber auch mögliche Schwierigkeiten auffinden.
So könnte ein rückläufiger Merkur einen Astrologen dazu bewegen, eine eher ganzheitlich orientierte Schule für das betroffene Kind vorzuschlagen (Beispiel Waldorfschulen), in der das Kind vielleicht bessere Möglichkeiten hätte, seinen rückläufigen Merkur zu leben und damit zu lernen, sich auf andere Art und Weise auszudrücken.