Die fünf Heilsfähigkeiten/Heil(s)Kräfte Teil 1

 

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Die fünf Heilsfähigkeiten/Heil(s)Kräfte

 

  • Vertrauen 
  • Energie
  • Achtsamkeit
  • Sammlung
  • Weisheit

 

 

Einführung

 

Letztlich ist alles im Leben eine Frage der Anschauung. Meine Anschauung prägt meine Gedanken und meine Gedanken konstruieren mein Weltbild und damit meine Welt. Ändere ich aufgrund neuer Erkenntnisse meine Anschauung, dann ändern sich auch meine Gedanken, mein Weltbild und damit letztlich meine Welt.

 

Meine Anschauung bildet sich aufgrund dessen, was ich denke und wie ich das zu einem Weltbild zusammen setze. Statt zu beobachten und festzustellen, was wirklich wirklich ist, glauben wir unseren Gedankenkonstruktionen. In der Regel sind wir von unserem Verstand, unseren Gedanken beherrscht. Da findet dann wenig anderes Platz. Der erste Schritt uns aus dieser Illusion, dieser Versklavung durch unseren Verstand herauszubringen, ist genau das zu erkennen. Weder sollten wir deswegen mit uns und der Welt hadern, noch sollten wir sofort versuchen etwas oder alles zu ändern, sondern sollten es einfach nur bemerken.

 

Beobachtung und Selbsterkenntnis sind der Weg, der zur Wahrheit führt. Wir sind nicht unsere Gedanken und wir müssen diesen auch nicht glauben oder folgen. Halten wir die Gedanken für Wirklichkeit, dann unterliegen wir einer Täuschung. Solange wir uns selber täuschen, bleiben wir in der Täuschung. Zuerst erkennen wir den ständigen Denkprozess in uns und wie uns unsere Gedanken beeinflussen. Möchten wir der Wahrheit näher kommen, dann müssen wir unseren Geist trainieren. Nahezu jede spirituelle Disziplin hat mit dem Geistestraining zu tun. Es geht darum, uns nicht in den Gedanken zu verlieren, sondern geistesgegenwärtig zu sein. 

 

Können wir geistesgegenwärtig sein? Können wir dies immer, zeitweilig, selten oder gar nicht? Sind wir immer geistesgegenwärtig, dann brauchen wir kein Geistestraining (mehr). Aber dann sind auch die fünf Heil(s)Kräfte voll in uns entwickelt. Sind wir allerdings nicht immer geistesgegenwärtig, sind wir unseren Stimmungen, Wünschen, Erwartungen, Gedanken und Gefühlen ausgeliefert, dann sind wir ein Opfer unserer inneren Prozesse. Aber das können wir ändern. Den meiner Meinung nach besten Weg dahin hat der Buddha anhand des achtfachen Pfades (der vierten edlen Wahrheit) aufgezeigt. Den achtfachen Pfad gehen, bedeutet sich im Heil zu üben. 

 

Das Gleiche gilt für die fünf Heil(s)Fähigkeiten. Diese zu entwickeln, bedeutet sich im Heil zu üben oder anders gesagt, wenn wir uns im Heil üben, entwickeln wir diese fünf Fähigkeiten. Wir besitzen diese nicht in Vollendung, sondern wir haben sie nur in ihrem rudimentären Zustand zu unserer Verfügung.

 

Wir können aus diesen Potentialen aber Fähigkeiten und sogar Kräfte machen!

 

Vor dem Tun sollte immer das Nachsinnen stehen. „Erst besinne ich es, dann beginne ich es“.  

 

Die fünf Heilsfähigkeiten haben die Funktion unsere Herzens- und Geistesfaktoren zu 

kontrollieren und zwar durchaus bestimmend und dominierend.  

 

 

Definition Heilsfähigkeiten - Indriya 

 

Das Wort ‘Indriya‘ stammt vom Pali-Wort inda (sanskrit: indra) „Herrscher“, „Lord“. Indra wird als der Herrscher der Devas, der Götter, betrachtet. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten geht damit einher, dass wir es immer mehr lernen, den Zustand unseres Geistes zu beeinflussen oder sogar zu beherrschen. Daher kommt auch der Name „bestimmende oder kontrollierende Fähigkeiten“. Die Indriyas sind Kontrollfähigkeiten, weil sie ihr negatives, unheilsames „Gegenüber“ meistern und unter Kontrolle bringen.

 

  • Vertrauen hält Zweifel, Angst, Sorge, Niedergeschlagenheit, Mangel an Hingabe unter Kontrolle
  • Bemühen und Energie überwinden Trägheit, Faulheit, Bequemlichkeit.
  • Achtsamkeit (Achtsames Gewahrsein) schaltet Achtlosigkeit aus.
  • Sammlung wirkt Ruhelosigkeit und Zerstreutheit entgegen.
  • Erkenntnis und Weisheit lösen Unwissenheit und Täuschung auf. 

 

 

Anlagen der Heilsfähigkeiten

 

Jeder Mensch hat Vertrauen, denn sonst würde er sich gar nichts zutrauen. Vertrauen beginnt da, wo wir davon ausgehen, dass wir auch weiterhin das tun können, was wir bisher getan haben. Ohne Bemühen und Energie wären wir nicht handlungsfähig. Egal, worum es geht, wir müssen uns schon anstrengen, allein schon, um unseren Körper zu bewegen. Gleiches gilt für die Achtsamkeit. Jeder Mensch hat Achtsamkeit, nur ist das jeweilige Maß unterschiedlich. Wir sind beispielsweise achtsam im Straßenverkehr (mehr oder weniger) oder wenn wir Gemüse schneiden. Ähnlich ist es mit der Sammlung. Könnten wir unseren Geist gar nicht sammeln, könnten wir kein Buch lesen oder einem Film folgen. Das zunehmende Alter bringt es mit sich, dass wir viele Erfahrungen gemacht und diese eingeordnet haben. Daraus entsteht Erkenntnis. Ob wir auch eine gewisse Weisheit erlangen, ist hier eine Sache des Charakters. So gesehen hat jeder Mensch die fünf Heilsfähigkeiten rudimentär angelegt. Es sind aber noch keine Heilsfähigkeiten und noch weniger Heilskräfte. Zu Heilsfähigkeiten werden diese erst, wenn wir uns bewusst auf den Weg machen, die Lehre des Buddha zu verstehen und ihr nachzufolgen, bzw. das Potential der fünf Heilskräfte zu heben und diese bewusster zu üben und anzuwenden, dann können sie zu Fähigkeiten oder sogar zu Kräften werden.

 

Der achtfache Pfad

 

Die Lehre des Buddha zeigt uns durch die vierte edle Wahrheit, den achtfachen Pfad, welchen Weg wir gehen können, um aus einem oft nicht sehr befriedigenden oder gar konfliktbeladenen Dasein zu innerem Frieden, Verbundenheit und Freiheit zu kommen. 

 

Wissen und Weisheit | panna
Rechte Anschauung | samma-ditthi
Rechte Gesinnung | samma-sankappa

Tugend und Verhalten, Sittlichkeit | sila
Rechte Rede | samma-vaca
Rechtes Tun | samma-ajiva
Rechte Lebensführung | samma-sankappa 

Meditative Sammlung, Vertiefung | samadhi 

Rechtes Mühen | samma-vayama
Rechte Achtsamkeit | samma-santi
Rechte Sammlung, rechter Friede | samma-samadhi

 

Dieser achtfache Pfad ist nicht immer mühelos zu gehen. In seinem sechsten Abschnitt dem Rechten Mühen, der rechten Anstrengung (samma-vayama) geht es darum, was die Beschreibung schon aussagt, uns anzustrengen, die negativen Gewohnheiten in Denken, Reden und Handeln umzuwandeln. Anders ausgedrückt geht es darum, spezielle innere Qualitäten zu entwickeln. Diese inneren Qualitäten entsprechen den fünf Heilsfähigkeiten.  

Es geht darum, unseren Geist zu trainieren. Meistens sind wir „Opfer“ unserer Gedanken. So sind wir nicht gegenwärtig, wir leben nicht im Hier und Jetzt, sondern in den Welten unseres Verstandes.

 

Ohne Gegenwärtigkeit sind wir in unseren Gedanken und Gefühlen gefangen. Diese Gefangenschaft zeigt sich schmerzhaft im aktiven Schmerzkörper. Wir sind voller Begierde und leben in der Illusion, ohne das recht zu wissen.  

 

Die fünf Heilsfähigkeiten entstehen unter dem Einfluss der heilenden rechten Anschauung. 

Die rechte Anschauung ist der erste Punkt im achtfachen Pfad. Die Lehre des Buddha verfolgt das Ziel, dass wir uns befreien, dass wir aufwachen, die Illusion durchschauen, dass wir uns aus der ewigen Verstrickung in den Samsara lösen. Der Samsara ist das Rad der ewigen Wiedergeburten, ein endloser Kreislauf aus Werden und Vergehen, der erst dann endet, wenn wir uns auf den Weg machen, ihn zu beenden. Auf dem Weg zum Erwachen (dem nibbana) brauchen wir Fähigkeiten und Kräfte. Diese fünf Heilsfähigkeiten zu entwickeln führt uns genau da hin. Zusammengefasst können wir sagen, dass sie uns als Fähigkeiten auf dem Weg zur Erlösung unterstützen, dass sie aber erst in ihrer Entwicklung zu Kräften ausschliesslich auf das nibbana hin gerichtet sind.

 

 

 

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