Die sechs erhellenden Erinnerungen

Die sechs erhellenden Erinnerungen

Tief in uns drin gibt es eine im Grunde ständig vorhandene Unzufriedenheit. Es dauert, bis wir vielleicht erkennen, dass die Projektionen auf die Außenwelt diese Unzufriedenheit niemals ganz aufheben kann. Egal, was wir uns wünschen und was wir auch bekommen mögen, alles ist vergänglich und dem Zeitverlauf unterworfen und kann im besten Fall zeitweilige Zufriedenheit bringen. Erst, wenn wir erkennen, dass diese Unzufriedenheit in uns ist und dass es an uns ist, diese zu transformieren, beginnt der Weg.

Auf diesem Weg erkennen wir zunehmend, dass wir in einer Illusion leben. „Das gilt nicht wirklich“. Die Dualität, in der wir uns wiederfinden, ist nicht wirklich Wahrheit. Sie ist letztlich von uns erdacht worden. Die Triebe Verblendung oder Unwissenheit, Gier oder haben wollen und Hass oder Ablehnung (nicht haben wollen) halten die Illusion im Gang. Persönlich werden diese Triebe dann, wenn ich mich mit ihnen identifiziere. Diese individuellen Triebflüsse steuern mein Leben. Sie geben mir vor, was ich meine zu brauchen, um glücklich zu sein. In der Folge erdenke ich mir dann meine Person und eine Welt, in der diese Person lebt. Von nun an bin ich abhängig von dem, was aus der Welt kommt. 

Diese Illusion, diese Verblendung, die Maya ist so perfekt konstruiert, dass es schwer bis unmöglich ist, sie allein zu durchschauen. Aber es ist zumindest in dieser Zeit möglich, die Illusion zu durchschauen. Aber das ist nur deswegen möglich, weil es einen Erwachten gab/gibt. Der Buddha hat aus eigener Anstrengung die Wahrheit erkannt und die Illusion aufgelöst. Daher gilt die erste erhellende Erinnerung dem Buddha, als dem Erwachten. Wenn es einer geschafft hat, dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu entkommen, dann ist es grundsätzlich für jeden möglich. Das ist ein tröstlicher Gedanke, der uns allerdings nicht wirklich weiterhelfen würde, wenn der Buddha seine Weisheit für sich behalten hätte.

Zum Glück hat der Buddha sein Erkennen nicht für sich behalten, sondern das Rad der Lehre in Gang gesetzt. Sein Lehrgebäude befähigt uns, selber ganz pragmatisch auf den Weg des Erkennens zu gehen. Der von ihm aufgezeigte edle achtfache Pfad gibt uns alles an die Hand, was wir brauchen, um selber aufzuwachen. Daher ist die Lehre des Buddha die zweite erhellende Erinnerung.

Zum Glück gibt es zahllose Wesen, die schon vor uns den Weg gegangen sind. Wir leben in einer Zeit, wo viele Menschen sich von der Lehre des Buddha angezogen fühlen und so gibt es auch heute noch Heilgänger oder zumindest Menschen, die sich dorthin auf den Weg gemacht haben. Das Denken an diese Sangha (Gemeinschaft der buddhistischen Übenden/Praktizierenden), an die verehrungswürdigen Vorgänger, ist die dritte erhellende Erinnerung. Andere vor mir sind diesen Weg schon gegangen und haben Frieden und Erkenntnis gefunden, den Ausweg aus dem Samsara. Auch das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, denn ich bin auf dem Weg eben nicht allein und ich kann Vorbilder finden und ihnen nacheifern.

Doch nun bin ich aufgefordert, selber den Weg zu gehen und das bedeutet vorerst, sich in den Tugenden zu üben. Ganz vorne steht dabei die Beachtung und Übung der fünf Silas. Die vierte erhellende Erinnerung ist das Bewusstsein darüber, wo ich in meinem Üben der Tugend stehe. Wie weit habe ich die Begegnungswelt harmonisiert und besänftigt? Wo kann ich die Silas nicht halten oder kann ich diese recht gut einhalten? Übe ich an allen acht Bereichen des edlen achtfachen Pfades und anderer solcher Fragen mehr. Dabei gilt es kritisch zu sein, aber nicht selbstverletzend oder mich in meinen Bemühungen herabsetzend. Vor der Beobachtung, der Meditation steht die Liebe, weil es darum geht, mein Grundgefühl so zu erhöhen, dass ich mich mit mir, meinem Leben wohl fühle und wenig Spannungen, Stress und Probleme habe, die mich vom Üben in der Buddha-Lehre abhalten könnten.

Mit zunehmender Tugend kann ich immer mehr Loslassen. Jedes Loslassen macht mich leichter, erhellt mich von innen her, besänftigt mein Begegnungsleben und macht das Leben insgesamt froher. Natürlich kann der Weg lang sein und es gibt Abschnitte, in der ich hadere oder mich allein im Dunklen fühle, aber die sechs Erinnerungen können dazu beitragen, dass ich mich selber aus diesen Zuständen befreien kann. Das Loslassen ist die fünfte erhellende Erinnerung.

Mit Tugend und Loslassen auf dem Weg der Nachfolge des Buddha erhelle ich nicht nur mein aktuelles Leben, sondern lege den Grundstein für eine Wiedergeburt in den Himmelswelten. In diesen ist alles sehr viel leichter und lichter. Die Himmelswelten sind die sechste erhellende Erinnerung. Die Erinnerung an die Himmelswelten kann mich motivieren, in meinen Anstrengungen nicht nachzulassen, denn jede Bemühung lohnt sich doch so sehr, sagen die schon Vorangegangenen.

Aber auch Tugend und Himmelswelten dürfen nicht überschätzt werden, denn letztlich geht es um das Erwachen aus dem Daseinstraum. Die sechs erhellenden Erinnerungen sind äußerst hilfreich auf dem Weg dorthin. Letztlich werden wir aber über all das hinausgehen. Im Nibbana braucht es keine Erinnerungen mehr! Aber bevor wir dort angelangt sind, sollten wir alles nutzen, was uns selber und anderen im heilsamen Sinne nutzt. Da die sechs Erinnerungen in nahezu jeder Lebenslage angewandt werden können, sind sie quasi das „Überlebenspack“ im Samsara und von daher von unverzichtbaren Wert.